Die Wahrheit – r(H)einreden® #15

Episode 15

Herzlich willkommen!

Zunächst eine Bitte – halte Dich an die AHA+C+L Maßnahmen:

Abstand halten / Hygienemaßnahmen einhalten / Alltagmasken tragen / aktiviere die CoronaApp auf Deinem Smartphone und denke an regelmäßiges Lüften(!), denn Aufmerksamkeit Hilft Allen!

Mit meinem Podcast bringe ich Dir Methoden zur Beratung im Gehen näher, die vor allem durch meine  systemische Grundhaltung geprägt sind!

In dieser Episode geht es um etwas, was in den letzten Monaten immer wieder in den Medien oft thematisiert wurde: Es geht um nichts geringeres als „die Wahrheit!“. Ein starkes Wort und gerade in der aktuellen Pandemie gibt es viele Menschen, die der Meinung sind die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Nur die persönliche Sichtweise zählt für sie und zur Not gehen Sie sogar körperliche Auseinandersetzung ein.  Ich frage mich oft, muss das so sein?

Unabhängig von dieser Pandemie habe ich von meinen Klienten beim rHeinreden immer mal wieder zu hören bekommen, dass es ihnen so richtig schlecht ginge.  Alle anderen wollten ihnen einreden, dass ihr Problem ja gar nicht so schlimm sei! Eine Klientin berichtete mir: „Es ist genauso schlimm wie ich es Ihnen sage! Die anderen Leute haben doch keine Ahnung!“. Ihre furchtbare Wahrheit stand über allen Zweifeln und Ratschlägen.

Ich frage mich heute ob sie Recht hatte? Was meinst Du? Sind die Dinge wirklich so einfach? Schwarz oder weiß? Schließlich ist, einem der systemischen Grundsätze folgend, jeder selbst der Experte für sein Leben.

Wie kannst Du dann bei Deiner Beratung im Gehen Deinen Klient:innen neue Wege aufzeigen? Schließlich berichtet Dein Klient Dir aus seiner persönlichen Lebenswelt. Sein Erleben teilt er Dir mit, seinen Schmerz und seine Ausweglosigkeit.

Anfang Oktober habe ich in einem Workshop in Münster besucht und hier ein sehr schönes Beispiel – eine schöne Metapher – erfahren. Hör doch einmal kurz hier genau hin – was ist das?

*Buchseiten werden geblättert*[1]

Was war das – was glaubst Du? Richtig, es ist ein Buch. Ein Buch, in dessen Seiten hier geblättert wird. Jetzt müsste sich ein Bild von einem Buch bei Dir im Kopf entwickeln. Dein Bild von einem Buch, mit zwei Klappdeckeln und mit Papierseiten dazwischen! Jeder kennt Bücher und es ist doch klar, dass wir es von vorne bis hinten richtig durchlesen können. Manche Bücher haben ein Hardcover, andere sind mit einem Softcover versehen. Ist das die Wahrheit über ein Buch? Ist das die wahre Realität? Was glaubst Du?

Nun ja, fragen wir mal Kinder aus dem arabischen Sprachraum, dann müssen wir unser inneres Bild, unser Modell eines Buches, neu überdenken. Für diese Kinder endet ein Buch dort, wo unsere Bücher erst beginnen – nämlich vorne. Das Buch in arabischer Schrift hat zwar auch zwei Deckel, aber in diesen kulturellen Kreisen schlägt man ein Buch von je her hinten auf. Man liest es auch von hinten nach vorne. In dieser Schrift ist genau dies die Wahrheit. Nur so liest man ein Buch in arabischer Schrift wahrlich „richtig“!

Ich fand das Beispiel sehr treffend, denn auf den ersten Blick sprechen wir von dem gleichen Gegenstand, der auf den ersten Blick auch identisch aussieht.

Klient:in spricht vielleicht von ähnlichen Live-Events, wie andere Klient:innen auch. Eine Trennung, eine Krankheit oder ein Todesfall. Und trotzdem ist die persönliche Perspektive immer eine besondere. Es menschelt halt sehr.

Bringe Klient:in dazu Abstand zur vermeintlichen Wahrheit zu finden. Bei der Beratung im Gehen auf Grafenwerth ist das so wunderbar umsetzbar. Wie ein Kurzurlaub auf der Insel, so lassen meine Klienten ihren Alltag an der Brücke zurück und nach dem Überqueren dieser, beim ersten Schritt auf der Insel, finden Sie schnell zum notwendigen Abstand. Dann erst sind sie auch arbeitsfähig.

Ich habe meine Klientin in einer damaligen Beratung dazu eingeladen sich einmal auf eine Hypothese einzulassen. Nämlich die Hypothese, dass ihr das Erlebte auch andere Sichtweisen erlauben kann. Jetzt höre ich sie noch antworten, dass sie sich ja die Wahrheit auch schönreden könnte, hier beim rHeinreden. Aber, was ist denn tatsächlich die Wirklichkeit? Die Wahrheit liegt genau wie Schönheit im Auge des Betrachters.

Noch ein Beispiel:

Auf Grafenwerth ist das Gras grün. So ist es, das kann ja jeder sehen. Oder eben doch nicht?  Frag mal einen Menschen, der von Geburt an unter einer Farbschwäche leidet. Ich habe davon gelesen, dass ca. 100.000 Menschen in Deutschland betroffen sein sollen. Die Zahl kannst du gerne mal auf den Seiten des Statistischen Bundesamts prüfen, ich übernehme hier keine Gewähr. Auf der Seite „Lenstore.de“[1] kannst Du selbst erleben, wie ein Mensch mit einer Farbschwäche die Welt wahrnimmt, sie für ihn also seiner Wahrheit entspricht. Den Link findest Du hier unten in den Shownotes.

                         

  1. Ein und dieselbe Landschaft wird also doch vom Auge des jeweiligen Menschen unterschiedlich wahrgenommen. Bedenke, für den Menschen mit der angeborenen Farbschwäche ist es keine Störung. Er kennt die Welt nicht anders. So, wie das in arabischer Schrift verfasste Buch auch selbstverständlich schon immer von hinten aufgeschlagen wurde! Wir Menschen sehen also immer individuell unser eigenes Bild – unsere Wahrheit – der Umwelt, mit unseren Filtern.

Das ist auch gut so! In Modellen denken erleichtert uns das Leben, da wir sonst verrückt werden würden. Stell Dir vor, Du müsstest bei jeder Türklinke überlegen, wozu dieses Ding dient und wie Du es zum Öffnen nutzen sollst. Was wäre das für ein Leben? Das Gehirn konstruiert sich ein persönliches Modell der Welt, das es mit seinen eigenen begrenzten Mitteln und Kapazitäten zusammensetzt. Im Systemischen spricht man vom Konstruktivismus.

Deutlich gesagt:

Jeder Mensch, also auch jeder Deiner Klient:innen, konstruiert sich seine persönliche Umwelt, sein persönliches Erleben und was noch wichtiger ist – die Bewertung dieses Erlebens erfolgt persönlich, so gut wie es überhaupt möglich ist. Hier spielen alle bisherigen Erfahrungen eine Rolle. Es gibt also nicht die eine Welt, nicht das eine Gras und auch nicht das eine Buch.

Genauso ist es mit unserer Kommunikation! Es gibt keine einzige Wahrheit, kein einzigartiges richtig oder falsch.

Jetzt wird es für mich als Systemiker spannend. Wenn jeder Mensch individuell wahrnimmt, dann können wir doch als Berater, Trainer und Therapeuten andere Betrachtungsweisen anbieten?

Nimmt Dein Klient das Angebot an und lässt sich auf diesen Gedanken ein, dann schenkt er sich damit selbst eine gewisse Freiheit. Wird er sich über die Modellhaftigkeit seines Erlebens bewusst, dann kommt er recht schnell aus seiner Hilflosigkeit raus. Ich finde dies ein Hauptaspekt der lösungsorientierten Kurzzeitberatung. Mit dieser Erkenntnis gibt es keinen Streit mehr über die Wahrheit. Als mir dieser Umstand in der Ausbildung beim IF Weinheim klar wurde, da kam eine wohltuende Gelassenheit über mich. Eine Befreiung vom „Recht bekommen müssen!“. Kannst Du Dir vorstellen, wie ich das meine?

Es eröffneten sich neue Möglichkeiten in meiner Beratungsarbeit. So konnte ich meinen Klient:innen auf der Insel einen neuen Weg vermitteln, der sofort wieder in die Eigenverantwortung führte. Wieder selbst die Verantwortung über das eigene Leben zu übernehmen. Die Verantwortung führte unweigerlich in die Selbstwirksamkeit. Eine Selbstwirksamkeit aus der Antwort heraus: „Wozu wird das jetzt führen?“.

Frag Deine Klient:in dann im systemischen Sinne z.B.: „Woran werden Sie in einem Jahr merken, dass sie heute einen anderen Weg beschritten haben?“.

So, das war´s für heute! Ich hoffe Du hast den ein oder anderen Gedanken zum rHeinreden® entdeckt. Gerne kannst Du mir auf Twitter diese mitteilen (@rHeinreden) oder du schreibst mir über meine Homepage eine Nachricht. Seit kurzem habe ich auch LinkedIn wieder für mich entdeckt.

Pass auf Dich und Deine Umwelt auf, Aufmerksamkeit hilft allen!

Und nicht vergessen, mit mir kannst Du rHeinreden.

Links der Episode:

[1] https://www.lenstore.de/vc/farbwechsel/#/tritanopia/tritanopia-istanbul-bazaar

abgerufen 17.10.2020, 10:00 Uhr, CET

[1] www.hoerspielbox.de

abgerufen 17.10.2020, 11:20 Uhr, CET

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